Meine Wettkampfsaion 2026
- Judy Langer
- 19. Juni
- 6 Min. Lesezeit
Wenn man mich fragen würde, wie ich meine Wettkampfsaison 2026 in einem Satz beschreiben würde, dann wahrscheinlich so:
Kreativer, mutiger und emotionaler als jede Saison zuvor.
Eigentlich begann diese Saison bereits im Herbst 2025.
Denn Ende März stand direkt die Aerial Amity an und nur zwei Wochen später die Deutsche Meisterschaft. Da ich wusste, dass ich vorher sechs Wochen nach Namibia reisen würde, wollte ich unbedingt schon früh ein Konzept haben. und dieses Jahr sollte es etwas besonderes werden. Für die Sportkategorie der IPSF darf man ausschließlich instrumentale Musik verwenden. Deshalb begann ich bereits Monate vorher nach Songs mit starken Beats, musikalischen Akzenten und genügend Dynamik für eine Wettkampfchoreografie zu suchen.
Irgendwann landete ich bei der Musik von Squid Game.
Coole Beats. Spannende Akzente und eine besondere Atmosphäre.
Ursprünglich wollte ich die Musik einfach für meine Sportchoreografie verwenden. Doch dann erinnere ich mich daran, dass ich zusätzlich bei Aerial Amity starten würde - einem Wettkampf, bei dem Konzepte, Kreativität und Storytelling eine viel größere Rolle spielen. Und plötzlich entstand eine Idee.
"Warum Squid Game nur als Musik nutzen, wenn ich daraus eine komplette Geschichte machen könnte?"
Also holte ich Julian wieder mit ins Boot. Er wurde zu meinem Pink Soldier. Ich wurde zur Teilnehmerin, die die Spiele bestritt. Und gemeinsam entwickelten wir eine Choreografie, die wahrscheinlich verrückter als alles, was ich bisher auf die Bühne gebracht hatte....
Elite bedeutet: Es gibt keine Grenzen
Dieses Jahr startete ich nicht nur bei der Deutschen Meisterschaft in der Elite-Kategorie sondern auch bei Aerial Amity in der Kategorie Pole Single Elite (gemischt mit Männern und ohne Alterseinschränkung 18+).
Und Elite ist ..... anders.
Nicht nur technisch.
Natürlich sind die Tricks schwerer, die Combos komplexer und die Athleten unglaublich stark und flexibel. Aber vor allem gibt es keine Obergrenze mehr. Jeder bringt seine eigenen Stärken mit. Jeder überrascht und jeder hat das Potenzial zu gewinnen. Genau deshalb habe ich mir dieses Jahr fest vorgenommen: KEINE ERWARTUNGEN!!! Im Jahr zuvor habe ich mich zu sehr mit anderen verglichen. Ich wusste zwar theoretisch, dass man das nicht tun sollte. Aber zischen Wissen und Umsetzen liegen manchmal Welten vor allem bei dem heutigen Social Media Konsum. Aus diesem Grund habe ich einen ziemlich radikalen Schritt gemacht. Ich habe sämtliche Wettkampf-Athleten und Poler:inas, die ich nicht persönlich kenne auf Instagram stumm geschaltet.
Nicht aus Unfreundlichkeit. Nicht aus Neid. Sondern nur aus Selbstschutz. Denn wenn man täglich die spektakulärsten Tricks der Welt sieht, vergisst man schnell, wie weit man selbst bereits gekommen ist. Für mich war das eine der besten Entscheidungen der gesamten Saison.
Zusätzlich habe ich meine Choreografie nicht mehr regelmäßig vor meinen Schülerinnen und vor Publikum präsentiert. Klar gebe ich da immer 100 % aber ich wurde auf ein hohen Sockel gesetzt mit "Du kannst das eh", "Du bist eh die Krasseste", "Du kommst eh aufs Podium" .... dass ich mir selbst unbewusst so hohe Erwartungen gesetzt habe, dass ich an Perfektionismus nicht aufzuhalten war. Und das wollte ich in dieser Saison bewusst fern halten.
Das beste Buch meiner Wettkampfvorbereitung
Wie ihr bereits wisst, habe ich letztes Jahr mein eigenes Pole-Sport Buch veröffentlicht - für die Grundlagen wie man sich ein festes Fundament aufbaut hinsichtlich einer Wettkampfvorbereitung. Sei es Technik, Training, Ernährung, Regeneration und Mentaltraining. Ich wollte aber dieses Mal gezielter in das Thema Mentaltraining einsteigen, da es mich letztes Jahr schon ziemlich belastet hat. Und ich muss hier einmal unterscheiden zwischen Mentaltraining (Reflexion, Im Präsenz sein, Techniken zur Visualisierung und Entspannung) und der emotionalen Hinsicht. Nur weil man sich mental vorbereitet, heißt es nicht, dass man seine emotionale Ebene mit abholt. Dieses Mal habe ich den Fokus auf mentale Entspannung gelegt. Nicht reflektiert. Nicht analysiert, sondern bewusst entspannt und jedem Gefühl seinen Raum gegeben. Ein großer Teil davon kam aus dem Buch "Mindset: A Mental Guide for Sport"
Dieses Buch hat meine Sicht verändert. Dort ging es nicht darum perfekt zu sein, sondern darum, die eigenen Fortschritte und Niederlagen mit einem freundlichen Blick zu betrachten. Und Fehler bzw. Niederlagen als Information annzunehmen und als Chance besser zu werden. Also eigentlich das was man "schon" weiß - aber es wurde im richtigen Moment wieder refreshd. Und mein Motto war nicht mehr "Ich möchte es mir und allen zeigen" sondern "Wettkampf ist das beste Training".
Aerial Amity Art
Aerial Amity war für mich eine völlig neue Erfahrung. Mein Aufrtitt war erst um 19:00 Uhr.
Wer selbst Wettkämpfe macht, weiß, was das bedeutet:
Warten. Noch mehr warten. Und dann noch etwas warten.
Wir waren seit Beginn der Veranstaltung vor Ort, haben Freunde untersützt, andere Performances angeschaut und versucht, irgendwie die Energie hochzuhalten. Als mein Start näher rückte, hatte ich zwei völlig gegensätzliche Gefühle gleichzeitig. Einerseits wollte ich endlich auf die Bühne. Andererseits war ich so müde, dass ich einfach nur nach Hause wollte. Und als wäre das nicht genug, hatte die Choreografie DIREKT vor mir ebenfalls das Thema Squid Game. Ich musste so lachen.... Wie hoch ist bitte diese Wahrscheinlichkeit?
Dann war es endlich soweit. Ich kam auf die Bühne. Musik an. Time to Shine.
Ich habe meine Musik gefühlt. Meine Geschichte gefühlt. Die Atmosphäre gefühlt. Und trotzdem war ich während der Choreografie immer wieder hin- und hergerissen. Denn normalerweise lächel ich permanent auf der Bühne. Immer. Doch plötzlich hatte ich ein düsteres Thema. Passt hier ein Lächeln überhaupt rein? Wahrscheinlich nicht. Also lächelte ich teilweise und teilweise nicht und hatte damit einen konzentrierten und ernsten Ausdruck. Im Nachhinein hat mir aber genau das einige Punkte gekostet. Meine Bühnenpräsenz lebt normalerweise von meiner Freude. Von meiner Ausstrahlung und von meinem Lächeln. Aber ja... genau dafür sind Wettkämpfe da. Man lernt. Und nimmt die Erfahrung mit.
Als ich die Bühne verließ, war ich glücklich. Nicht wegen einer Platzierung, sondern weil ich wusste, dass ich alles gegeben hatte. Die vielen positiven Rückmeldungen von anderen Athleten und Teilnehmern haben mein Herz regelrecht zum Leuchten gebracht. Doch was danach kam, hätte ich niemals gedacht. 2. Platz Pole Single Elite 🥹🫶🏼
Zweiter Platz.... mit gerade einmal sechs Punkten Abstand zum Erstplatzierten. Ich konnte es nicht glauben... meine selbst entwickelte Choreografie... meine Idee... mein Konzept. Und plötzlich stand ich dort mit Silber. Natürlich habe ich im Nachhinein die Wertungsbögen analysiert. Etwas weniger Bühnenpräsenz. Etwas weniger Sauberkeit aufgrund der dynamischen Elemente. Etwas weniger Punkte für Flexibilität. ABER .... alles zu 100 % nachvollziehbar.
Zwei Wochen später: Deutsche Meisterschaft
Mit dieser Euphorie ging es direkt weiter. Denn nur zwei Wochen später stand die Deutsche Meisterschaft an und plötzlich begann der organisatorische Struggle. Die Squid Game Choreografie musste ich anpassen , da Julian als Human Prop sich nur 45 Sekunden aktiv auf der Bühne bewegen durfte. Gleichzeitig hatte ich meine Sportchoreografie, die dieses Jahr ehrlich gesagt deutlich weniger Aufmerksamkeit bekommen hatte. Mein Fokus lag dieses Jahr definitiv im Artistikbereich.
Dann wurde ich krank. Kopfschmerzen. Nasennebenhöhlen. Druck im Kopf. Teilweise konnte ich im Training kaum über Kopf gehen. Da ich dachte er würde explodieren. Absagen kam für mich trotzdem nicht infrage. Also vertraute ich darauf, dass mein Körper rechtzeitig wieder mitspielen würde.
Die deutsche Meisterschaft war emotional deutlich schwieriger. Meine Squid-Game Choreografie lief wirklich gut. Ich war zufrieden. Ich hatte Spaß und trotzdem rutsche ich am Ende aufgrund von einem Punktabzug vom zweiten auf den dritten Platz. Vielleicht waren es zu viele Sportelemente und deswegen auch zu wenig Originalität oder es gab andere Faktoren. Ehrlicherweise ist die Bewertung im Artistikbereich bei der deutschen Meisterschaft ziemlich schwer und nicht nachvollziehbar. Und genau das macht die Enttäuschung so groß. Nicht, weil ich glaubte gewinnen zu müssen. Sondern weil ich wusste, wie gut sich dieser Auftritt angefühlt hatte. Am nächsten Tag stand dann noch meine Sportchoreografie an. Und da war der Akku schlicht leer. Ein misslungener Shouldermount. Verwechselte Pflichtelemente. Ein Kopfstoß beim Backflip. Dinge, die definitiv nicht auf meiner Wunschliste standen. Am Ende verfehlte ich mein persönliches Ziel um drei Punkte... und ja... die Tränen konnte ich dann doch nicht verkneifen.
Was mir diese Saison beigebracht hat
Jeder Wettkampf hat mir etwas anderes geschenkt. Aerial Amity hat mir gezeigt, wie wichtig Vertrauen ist. Vertrauen in den eigenen Körper. Vertrauen in die eigenen Kreativität. Vertrauen in den eigenen Weg. Die Deutsche Meisterschaft hat mir gezeigt, wie wichtig Fokus ist. Weniger Druck. Weniger Vergleiche. Und vielleicht nächstes Jahr nur eine einzige Choreografie.
Eigentlich dachte ich, 2026 würde mein letztes Wettkampfjahr werden. Doch wenn ich ehrlich bin: Die nächsten Ideen spuken bereits in meinem Kopf herum.
Es kribbelt. Ich hab Lust. Und deshalb werde ich wahrscheinlich auch 2027 wieder antreten. Bei Aerial Amity aus purer Freude. Und bei der deutschen Meisterschaft mit etwas mehr Ehrgeiz. Die Weltmeisterschaftsqualifikation reizt mich noch immer. Vor allem aber hat mir diese Saison etwas anderes gezeigt: Man wird nicht zu alt. Nicht für Kreativität. Nicht für Fortschritt. Nicht für neue Ziele.
Mit jedem Jahr werde ich stärker, erfahrener und bewusster in meinem Training.
Manche Fähigkeiten werden schwieriger. Andere werden besser. Aber die Entwicklung hört nie auf. Für den Rest von 2026 stehen deshalb keine Wettkämpfe mehr an Jetzt geht es um Regeneration. Um neue Figuren. Um Kraftaufbau. Um Spaß.
Und um all die verrückten Choreografie-Ideen, die bereits wieder in meinem Kopf entstehen.





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